Wie Kinder heute lernen

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Sie leben, kommunizieren und lernen anders als ihre Eltern und Großeltern, denn sie sind mit digitalen Technologien wie Computer, Internet und Handy aufgewachsen: die sogenannten Digital Natives. Glaubt man der Literatur, sind das alle nach 1980 Geborenen. Auf jeden Fall aber sind es die Kinder und Jugendlichen, die jetzt zur Schule gehen. Unterrichtsmethoden und Lernmaterialien müssen zu dieser Lebenswirklichkeit passen. Denn um Menschen zu erreichen, muss man sie da aufsuchen, wo sie stehen.

Nahezu alle Jugendlichen besitzen ein Handy und sind regelmäßig online. Selbst jüngere Teenager von 10 bis 12 Jahren sind zu 96 Prozent online. Das ergab eine im Januar 2011 veröffentlichte Forsa-Studie. Besonders intensiv wird das Internet von 10- bis 18-Jährigen zur Suche von Informationen, für Multimedia-Angebote wie Filme und Musik und zur Kommunikation mit Freunden genutzt. Bemerkenswert: Mehr als drei Viertel der jungen Nutzer suchen Informationen für Schule oder Ausbildung im Netz. 64 Prozent hatten nach eigenen Angaben so ihr Wissen verbessert, 38 Prozent sogar ihre Leistungen in Schule oder Ausbildung.

Diese Selbstverständlichkeit im Umgang mit den digitalen Medien beobachtet auch Dr. Michaela Meier. Die Leiterin von Projekt Bildung – Institut für NeuroSystemisches Lernen hat das Online-Portal LernCoachies.de entwickelt und ein Jahr lang im Auftrag der EU einen Schulversuch zum Einsatz von interaktiven Whiteboards in Bayern begleitet. Ein Ergebnis: Das, was noch vor einigen Jahren als Standardargument für den Einsatz von PC und Internet beim Lernen galt, hat ausgedient. Dass Kinder von den neuen Medien fasziniert seien und deswegen besser zum Lernen motiviert werden könnten, zieht nicht mehr. „Die Faszination ist es nicht“, erklärt Michaela Meier, „denn der Umgang mit diesen Medien ist für die Kinder ganz normal.“ Das leuchtet ein. Schließlich löst das, was zum Alltag gehört selten Begeisterungsstürme aus.

Aber es gibt andere Argumente für PC und Co.: „Das Entscheidende ist: Die Kinder können mit diesem Medium umgehen. Es gehört für sie zum Alltag, mit dem Computer zu arbeiten, online zu gehen, Links in ihre Dokumente einzubinden oder Texte in den Worddokumenten zu zerlegen.“

Ganz anders sieht das mit manchen Lernmethoden aus, die für ihre Eltern Standard waren, damit haben Schüler heute Schwierigkeiten: „Während der Umgang mit dem PC für die Kinder selbstverständlich ist, haben viele mit der eher klassischen Aufgabe: Ich habe ein weißes Blatt Papier vor mir und soll jetzt etwas aufschreiben, eher Probleme. Es macht ihnen Angst und ist für sie eine größere Hürde, als die Arbeit am Whiteboard. Denn das, was mit dem Whiteboard geschieht, kennen sie bereits aus ihrem außerschulischen Alltag. Und damit gibt es dann auch nicht mehr diesen deutlichen Unterschied zwischen Schule und Freizeit.“ Dabei geht es keineswegs um die gern postulierten Alternativen Schulbuch oder Internet, Lernprogramm oder Übungsheft, Whiteboard oder Schiefertafel, sondern darum, die Medien passend zum didaktischen Kontext zu nutzen.

Vor sechs Jahren noch, so berichtet Michaela Meier, wurden die Lerninhalte häufig einfach von einem Medium ins andere übertragen – mit eher unbefriedigendem Erfolg. Mittlerweile, so beobachtet sie, ordnen die Verlage ganz konsequent die verschiedenen Inhaltstypen den entsprechenden Medien und Einsatzszenarios zu. So gibt es zum Beispiel bei der Informationsaufnahme Medien, die sich besonders gut eignen und andere, die das nicht tun. Ihr Beispiel: Bruchrechnen. „Wenn man mit den Kindern in der 5. Klasse das Thema Bruchrechnen erarbeiten will, dann funktioniert das nur bedingt über das Erzählen oder die Darstellung an der Tafel.

Mit Animationen aber, bei denen ein Ganzes zerteilt und wieder zusammengefügt wird, kann das Verständnis der Kinder viel stärker unterstützt werden.“ Mittlerweile, so die Lernexpertin, würde bei Themen, die viel Verständnis brauchen, stärker das Bewegtbild eingesetzt. In anderen Bereichen, wo es um eine hohe Automatisierung gehe und darum, sich Dinge zu merken sowie Daten und Faken aufzunehmen, habe hingegen das Buch noch immer einen wichtigen Anteil. „Wenn Kinder in einer Animation etwas gesehen haben, dann haben sie es noch nicht verinnerlicht“, dämpft Michaela Meier überzogene Hoffnungen, „aber sie haben ein Gefühl für dieses Phänomen bekommen. An diesem Gefühl kann man dann ansetzen. Das heißt, man muss genauso, wie man es in den klassischen Printmedien auch macht, die Regeln und Gesetze für dieses Phänomen verschriftlichen.“

Und dazu reicht die Computertastatur nicht aus. Denn „solange Prüfungen schriftlich auf Papier stattfinden, sollten Kinder nicht nur digital üben. Weil das Wiedergabeszenario ein anderes ist.“ Außerdem hat die eigene Handschrift einen unbestreitbaren Vorteil: „Ich identifiziere mich damit ganz anders und speichere auch die Inhalte anders ab, wenn ich sie in meiner eigenen Handschrift sehe“, so Michaela Meier, die auch an der Entwicklung einer neuen Lernplattform mitgearbeitet hat. LernCoachies.de praktiziert den von ihr beschriebenen Medienmix.

Die Idee: Ein auf das im Unterricht eingesetzte Schulbuch abgestimmtes Lernportal am Nachmittag, wo am heimischen Computer in Ruhe der Schulstoff nach- und vorbereitet werden kann. „Gegenüber der Möglichkeit, dass Kinder unabhängig vom Buch irgendwelche Aufgaben üben, ist es wirklich ein Riesenvorteil, wenn sich die Lernwelt vom Vormittag in den Nachmittag zieht.“ Und noch etwas ist der Pädagogin wichtig: „Ein Problem bei den Hausaufgaben ist, dass Kinder viel Energie investieren und dann erst Tage später erfahren, ob ihre Ergebnisse richtig sind. Aber erst mit dieser Rückmeldung ist der Lernprozess abgeschlossen. Viel effektiver ist es, eine direkte Antwort zu bekommen: richtig oder falsch. Das kann eine solche Lernplattform leisten. Nicht das richtige Ergebnis vorzugeben, sondern rückzumelden: Es ist falsch. Und der Schüler weiß direkt ‚Ich muss noch mal ran‘.“

Der amerikanische Wissenschaftler Louis Perelman hatte Anfang der neunziger Jahre prophezeit, dass die traditionelle Schule mit der Verbreitung der neuen Medien ihrem baldigen Ende entgegen ginge. Diese visionären Vorstellungen sind längst einem nüchternen Blick auf die Realität gewichen: Die neuen Medien stellen die Schule nicht infrage. Aber sie haben das Leben der Kinder und Jugendlichen deutlich verändert. Das, so Michaela Meier, muss auch im Lernalltag – egal ob in der Schule oder zu Hause – genutzt werden. „Computer, Internet und Handy gehören zum Alltag der Kinder. Diese Medien im Lernprozess nicht zur Verfügung zu stellen, ist nicht zu verantworten, weil wir dann die Kinder in ihrem Verhalten eingrenzen.“

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Über den Autor

Redaktionsleitung. Das Magazin Ratgeberspiel wurde von mir 2007 gegründet, um vor allem Eltern über Spiele zu informieren. Im Lauf der Zeit kamen auch andere Unterhaltungsthemen hinzu.

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