Vom Spielzeug zur Spielware

Die Menschen spielen seit jeher. Doch wie haben sich die Spielmöglichkeiten im Laufe der Jahrhunderte verändert? Eine Reise durch die Spielzeug-Zeitgeschichte.

Die Geschichte des Spielzeugs ist beinahe so alt wie die der Menschheit und früher wie heute ein fester Bestandteil des alltäglichen Kulturguts. Reden wir heute von Spielzeug, assoziiert man damit spezielle, auf die Bedürfnisse von Kindern zugeschnittene Gegenstände.

Bereits unsere Vorfahren in der Steinzeit entwickelten Gegenstände wie kleine Puppen oder Tierfiguren, die unserer Vorstellung von Spielsachen sehr nahe kommen. Allerdings war eine eindeutige Abgrenzung zwischen wirklichem Spielzeug und mythologischen Gegenständen nicht klar zu definieren. So dienten Puppenfiguren zum Beispiel auch als Grabbeigaben.

Mit der Entwicklung der ersten Spiele vor etwa 5.000 Jahren kann man erstmals von Spielzeug im heutigen Sinne sprechen. Davon liefert auch das „Königliche Spiel von Ur“, das im British Museum in London ausgestellt ist und dessen Regeln schriftlich überliefert sind, Zeugnis ab.

Das ägyptische Würfelspiel „Senet“ bewegt sich mit seinem Spielverlauf von der Geburt bis zum Leben nach dem Tod eindeutig im religiös-mythologischen Bereich. Einzig der Ball als perfekte Form eines Körpers findet sich rund um den Erdball, aus den unterschiedlichsten Materialien und in jedem Zeitalter.

Abbild der Realität
Egal, ob Puppe oder Tierfigur – meist waren die Darstellungen ein Abbild der Umgebung, in der die Menschen lebten. So wird man in unseren Kulturkreisen keine Abbildungen von Affen finden, weil es hier schlichtweg keine gab. Spielzeuge hatten also die Funktion, die reale Umwelt darzustellen, sich die Umwelt durch Nachahmung und Rollenspiele anzueignen und um sozial zu interagieren.

Diese Verhaltensmuster findet man zu jeder Zeit überall auf der Welt“, weiß Dr. Helmut Schwarz, Historiker und Leiter des Spielzeugmuseums Nürnberg. Allein die Gegenstände, die dafür eingesetzt wurden, variierten. So ließen sich Rückschlüsse auf die materielle Kultur der Zeit, die Gesellschaft und auch auf soziale Schichten ziehen, ergänzt Dr. Helmut Schwarz. „Das entscheidende Moment bei der Entwicklung von Spielzeug ist aber der Weg hin zur Spielware“, erklärt der Fachmann.

Denn Spielzeug kann alles sein: So werden aus einem Stock oder einem Stein Spielsachen, sobald man sie dazu erklärt. Spielwaren dagegen werden ganz bewusst zum Zwecke des Spielens hergestellt. „Das wiederum setzt eine Gesellschaft voraus, die arbeitsteilig organisiert ist“, so Dr. Helmut Schwarz weiter. Zwar gab es die ersten seriell gefertigten Ankleidepuppen aus Horn oder Ton mit beweglichen Gliedern, die mit Metalldrähten verbunden waren und die auch vertrieben wurden, schon in der Antike.

Die professionelle Herstellung von Spielzeug im größeren Maßstab beginnt aber erst im Mittelalter. So fand man etwa in Nürnberg fingerlange Puppen aus weißem Ton mit einer für die Zeit zwischen 1350 -1430 typischen sogenannten Kruseler-Kopfbedeckung.

Ein exaktes Abbild der damaligen Mode also. Ein weiteres Zeugnis erster serieller Spielwarenherstellung waren kleine Reiterfiguren. Sie weisen an den Seiten Nähte als Zeichen der Fertigung aus Modeln auf. Der Begriff des Tocken- oder Dockenmachers (altdeutsch für Puppenmacher) wird damals zum Synonym für Spielzeugmacher, „Dockenwerk“ wird zum allgemeinen Begriff für „Spielzeug“.

Der erste Versandhandel
Günstige Materialien wie Ton, Holz oder Papiermaché bildeten im 17. Jahrhundert die Basis der Spielzeugfertigung – ein weiterer Grundstein also, um in größeren Stückzahlen zu produzieren. Um diese zu verkaufen, hatte der Nürnberger Georg Hieronimus Bestelmeier schließlich die Idee eines Spielwarenversandhandels.

1793 gab der findige Kaufmann den ersten Bestellkatalog heraus. Ein Meilenstein in der Spielzeuggeschichte. Insgesamt 97 Artikel wie Puppen, Gesellschaftsspiele, Zubehör für Zaubertricks oder technische Spielereien standen darin zur Auswahl. 1823 bot Bestelmeier bereits 1.350 Produkte an.

Die Industrialisierung ermöglichte etwa ab der Mitte des 19. Jahrhunderts die maschinelle Produktion von Spielwaren in großen Stückzahlen. Besonders technische Blechspielzeuge wie Autos, Schiffe oder Eisenbahnen trafen den damaligen Zeitgeist.

Mit wachsendem Wohlstand nahm auch der Bedarf an Spielwaren quer durch alle Gesellschaftsschichten zu. Neue Produktionstechniken wie der Spritzguss oder der Zinkdruckguss sowie neue Werkstoffe, insbesondere die Kunststoffe, erweiterten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Art und Qualität des Spielwarensortiments.

Heute ist das Angebot so vielfältig und umfassend wie unsere Gesellschaft und die technischen Möglichkeiten, die durch den Siegeszug des Computers in allen Lebensbereichen erneut einen tiefgreifenden Wandel erfahren haben.

„Spielzeug ist immer eine Miniaturdarstellung der Welt. So wie die Welt sich verändert, ändert sich das Spielzeug. Das lässt sich durch die ganze Spielzeuggeschichte verfolgen“, erklärt Dr. Helmut Schwarz.

Es wird im Aussehen nur an die zeitlichen Vorlieben angepasst. Auch wenn in den Jahrhunderten die verschiedensten Produkte entwickelt wurden – für den Leiter des Spielzeugmuseums ist und bleibt der Ball einer der Spielzeug-Klassiker. Egal aus welchem Material er gefertigt ist, seine Funktion zur Übung und Koordination der Motorik verändert sich nicht. Deswegen, so ist sich Dr. Helmut Schwarz sicher, werden Bälle uns auch durch die nächsten Jahrhunderte begleiten.

Die Spielzeugstadt. Nürnberg und die Spielzeugwelt. Ausstellung im Spielzeugmuseum Nürnberg noch bis 9. März 2014.

Bildquelle: Simba
Der Dockenschnitzer und Schachtelmacher Clauß Schach, aus: Hausbuch der Mendelschen Zwölfbrüderstiftung Mendel II., Nürnberg 1558. (Abbildung: Stadtbibliothek Nürnberg, Amb. 317b.2°, f. 10v)

Text: übernahme von Simba

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