Ewige Jugend

„Youth“ oder „Ewige Jugend“, wie der erweiterte deutsche Titel lautet, ist der erste internationale Film von Paolo Sorrentino nach seinem „La Grande Bellezza“, der 2014 den Oscar für den besten fremdsprachigen Film gewonnen hat. Wie schon bei „Die große Schönheit“, welcher mit Fellinis Meisterwerk „La Dolce Vita“ verglichen wurde, hat der italienische Regisseur erneut das Altern, den Verlust, die Liebe und die Freundschaft – kurz das Leben und die Erinnerung daran – zum Gegenstand seines Films gemacht. Anders als bei „La Grande Bellezza“, bei dem das Tiefgründige und das total Banale dicht beieinander liegen, ist hier Paolo Sorrentino ein sehr warmherziger, sehr menschlicher Film gelungen, der sich erfolgreich dem Vorwurf des „Altherrenfilms“ entziehen kann und durch eine gehörige Portion Humor besticht.

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Den Kern des Films bildet dabei die Freundschaft der beiden älteren Herrschaften Fred Ballinger und Mick Boyle, wunderbar gespielt von Michael Caine und Harvey Keitel, welche sich alljährlich zu einem gemeinsamen Urlaub in einem eleganten Schweizer Kurhotel treffen. Während sich Fred, ein ehemals gefeierter Komponist nach dem Verlust seiner Frau aus der Arbeit und dem Leben zurückgezogen hat, ist Filmregisseur Mick noch hochaktiv. Zusammen mit einer kleinen Traube an Autoren, die er wie eine Familie um sich gescharrt hat, arbeitet er an einem neuen Drehbuch für sein zukünftiges Meisterwerk, sein „Vermächtnis“, wie er es selbst ausdruckt. Nur hin und wieder wird die Ruhe des Alpen-Idylls durch einen Abgesandten des Buckingham Palace gestört, der den „Maestro“ dazu überreden will, anlässlich von König Philips Geburtstag noch einmal vor der Queen einen seiner alten Songs zu dirigieren.

Bis Fred sich schließlich aus seiner Lethargie befreit, aus der Geborgenheit des Hotels ausbricht und auf das Angebot eingeht, folgt der Film in ruhiger, episodischer Form dem bunten, alltäglichen Treiben der Hotelgesellschaft: Freds Tochter und persönlicher Assistentin Lena (Rachel Weiz), die von ihrem Ehemann Julien – Micks Sohn – zu Gunsten einer Jüngeren verlassen wurde; den Filmstar Jimmy Tree (Paul Dano), der damit hadert, immer nur auf seine berühmteste Rolle reduziert zu werden; den fetten und übergewichtigen Fußballstar Maradona, der ohne Sauerstoffgerät keinen Schritt mehr machen und sich doch nicht vom Fußball losreißen kann; dem älteren Ehepaar, das sich nichts mehr zu sagen hat und nur noch anschweigt; der jungen Masseurin, die lieber Tänzerin sein will und diesen Wunsch an der Spielkonsole auslebt; der schüchternen, fast ängstlichen Prostituierten, die allabendlich von ihrer Mutter zur Arbeit begleitet und am Morgen wieder abgeholt wird. Nur Miss Universe ist mit sich im Reinen und kontert sowohl elegant als auch intelligent die verbalen und voyeuristischen Angriffe der Männer.

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Mit „Youth“ beweist Paolo Sorrentino wieder einmal, dass er ein sehr ästhetischer, sehr geschmackvoller Regisseur ist, der perfekt die visuellen und musikalischen Stilmittel des Films beherrscht. Bei ihm folgen leise auf laute Töne, zu klassischer Musik gesellt sich Pop und sakrale Töne zu Techno. Das Leben seiner Protagonisten zeichnet er dabei nicht bloß als ein Treffen von Jung und Alt, sondern auch als Episode von Schmerz und Verlust, Lustigem und Traurigem, Banalem und Tiefsinnigem, von Freundschaft und Liebe.

Der Konflikt der Generationen ist bei Sorrentino stets auch ein Kampf des Körpers gegen den Geist, des alternden Fleisches gegen den jungen Verstand, der Versprechungen der Zukunft gegen die Erinnerungen der Vergangenheit. Aber es ist auch Freds Eingeständnis, dass er sowohl als Vater als auch als Ehemann versagt hat gegen das selbstbewusste Auftreten der Miss Universe, die offenkundige Verkörperung der Jugend, die genau weiß, was sie von dem Leben erwarten kann und dies auch ungeniert einfordert.

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Das Hotel fungiert dabei weniger als Mikrokosmos der Gesellschaft, zu exklusiv sind dafür die Bewohner. Es dient mehr als ein Rückzugsort für all diejenigen, die sich nach einer Pause von den Auseinandersetzungen sehnen und deswegen in die Abgeschiedenheit der Schweizer Alpen geflüchtet sind. Jetzt hängen diese Geflüchteten in einem mentalen Gefängnis fest. Gefangen in einem zeitlosen Raum zwischen Verlust und Aufbruch, Erinnerungen und Sehnsüchten. Da wirkt das Eintreffen der Schönheitskönigin wie ein Affront oder der erlösende Befreiungsschlag, der der schläfrigen Hotelgemeinschaft neues Leben einhaucht.

Kameramann Luca Bigazzis, der bereits „La Grande Bellezza“ photographiert hat, kleidet den Film dabei wieder in ausgesuchte Schönheit jenseits jeglicher computergestützten Effekte. Unter seiner Kameraführung wandelt sich die Hotelsauna zu einer Galerie von Gemälden menschlicher Körper, in welcher der Kontrast zwischen der Schönheit der Jugend und dem Verfall des Alters ohne Scheu und Respektlosigkeit zur Schau gestellt wird. Im Weitwinkel misst er die Unendlichkeit und die Verheißungen der Welt aus und konterkariert sie zugleich durch extreme Nahaufnahmen des menschlichen Körpers mit der Endlichkeit und dem Alterungsprozess ihrer Bewohner.

Dabei ist Sorrentinos Film alles zugleich: einmal poetisch, wie Freds Tagtraum, als er inmitten einer Wiese auf einem Baumstumpf sitzt und eine Reihe von Kühen beziehungsweise deren Kuhglocken dirigiert; einmal tieftraurig, wie in dem Moment, als die Drehbuchautoren um den richtigen, ja wahrhaftigen Schluss für ihren Film ringen und sich in die Suche plötzlich Micks Schmerz über seine Frau mischt, die ihn bereits vor Jahren verlassen hat; dann wieder urkomisch, wie das zeitlupenartige Zusammenstoßen zweier Rollstuhlfahrer auf den Gängen des Hotels und die anschließende Abfolge von erhobenen Schuldzuweisungen in schönstem Schweizerdeutsch.

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Auch kann sich der Regisseur einen kleinen Seitenhieb auf den aktuell boomenden Serienmarkt nicht verkneifen. So antwortet Mick seiner Stammschauspielerin und Muse Brenda Morel (Jane Fonda), nach dem diese ihre Teilnahme an seinem Film zugunsten einer besseren, lukrativeren Rolle in einer Fernsehserie ablehnt und damit über das Wohl und Weh des Films entschieden hat: „Aber das hier ist Kino, das ist nur Fernsehen. Fernsehen ist Scheiße!“

Und dank der visuellen, musikalischen Pracht und des wunderbaren Spiels, der bis in die Nebenrolle perfekten Besetzung, kann man nicht umhin, ihm damit recht zu geben, sei es auch nur für einen kurzen Augenblick.

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  • Label: Universum Spielfilm | Wild Bunch Germany
  • FSK: Ab 12 Jahren freigegeben
  • Tonformat: DTS-HD 5.1 MA
  • Sprachen: Englisch, Deutsch
  • Untertitel: Deutsch
  • Extras: Making of, Interview mit Paolo Sorrentino
  • Bildquelle: Wild Bunch Germany | Panorama Entertainment | Universum Film

Besprechung von Max Frick

Bewertung

7.7 Bewertung

Paolo Sorrentino hat nach „La Grande Bellezza“ wieder einen Film gedreht. Wieder über alte Menschen. Glücklicherweise werden diese von Michael Caine und Harvey Keitel so wunderbar gespielt, dass der Film nie seine Balance zwischen Tragödie und Komödie verliert. Auch sonst ist Sorrentinos Werk erneut ein Genuss für Augen und Ohren.

  • Regie 7.0/10
  • Bild-/Schnittqualität 8.3/10
  • Schauspiel 8.0/10
  • Tonqualität 7.7/10
  • Bonusmaterial 7.5/10

Weitere Informationen

  • Titel: Ewige Jugend
  • Kategorie: Filme
  • Verlag: Wild Bunch Germany | Panorama Entertainment | Universum Film

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