Ein Blick hinter die Kulissen

Experimentieren fördert die kindliche Neugier – Dr. Heike Blümer im Interview

Dr. Heike Blümer leitet das Fachgebiet Technik für den Sachunterricht an der Bergischen Universität Wuppertal. Sie engagiert sich dort unter anderem für das Projekt „Kinder wollen es wissen! Naturwissenschaftlich-technische Bildung im Elementarbereich“, das die naturwissenschaftlich-technische Früherziehung im Fokus hat.

Außerdem ist sie Mitglied des Ausschusses „Technik in der Grundschule“ beim Verein Deutscher Ingenieure (VDI). Wir haben mit Heike Blümer über die Bedeutung von naturwissenschaftlich-technischer Bildung von Kindern gesprochen und gefragt, wie man deren Forscherdrang am besten unterstützt.

Frau Dr. Blümer, für wie wichtig halten Sie naturwissenschaftlich-technische Bildung für Kinder und welche Rolle spielt dabei das Experimentieren?
Dr. Heike Blümer: Die naturwissenschaftlich-technische Bildung ist ein fester Bestandteil der Allgemeinbildung und schon allein deshalb von herausragender Bedeutung. Bemerkenswert ist, dass sie d e r Bereich der Allgemeinbildung ist, der von den Kindern selbst eingefordert wird.

Denn Kinder setzen sich aus eigenem Antrieb handelnd und denkend mit den Dingen und Phänomenen ihrer Lebenswelt auseinander, mit dem Ziel sie zu erkennen und zu begreifen. In einer zunehmend technisierten Welt werden sie dabei mit komplexen und undurchsichtigen Strukturen und Inhalten konfrontiert. Eine an den Forscherdrang der Kinder anknüpfende, kindgemäße naturwissenschaftlichtechnische Bildung, die früh beginnt und kontinuierlich sach- und sinngerecht weitergeführt wird, ist der zentrale Baustein zum Aufbau von fundiertem Wissen über die uns umgebenden und unser Leben bestimmenden technischen Artefakte und Phänomene.

Eine gute naturwissenschaftliche und technische Bildung zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass sie handlungsorientiert ist, dass sie das kreative Potenzial der Kinder freisetzt, dass sie Kompetenzerfahrungen durch erfolgreich angewandte Problemlösungsstrategien ermöglicht und dass sie in sinnvollen Kontexten eingebunden ist. Mit diesem Fokus kommt den Experimenten eine besondere Stellung innerhalb der naturwissenschaftlichtechnischen Bildung zu.

Warum ist es sinnvoll, schon so jung mit dem Erforschen von naturwissenschaftlichen bzw. technischen Phänomenen anzufangen? Ist das nicht zu früh?
Dr. Heike Blümer: Kinder beginnen mit dem ersten Atemzug naturwissenschaftlichtechnische Phänomene zu erforschen: Sie prüfen die Schwerkraft, wenden das Hebelgesetz an, experimentieren mit Schallwellen, versuchen in allen Lebensbereichen das Verhältnis von Ursache und Wirkung zu ergründen.

Die Aufgabe derjenigen, die die Bildungsprozesse der Kinder begleiten, ist es, dieses primäre kindliche Erforschen zu systematisieren, zu strukturieren, mit weiterführenden Impulsen zu versorgen, Zusammenhänge aufzuzeigen und vor allem die von den Kindern gemachten Erkenntnisse zu würdigen. Kinder, die einen solchen Spielraum zur Verfügung gestellt bekommen, werden mit einem soliden Selbstwirksamkeitsempfinden ausgestattet, das für die Persönlichkeitsentwicklung von immenser Bedeutung ist.

Hinzu kommt, dass wir die Interessen, die Wissbegierde der Kinder aufgreifen und ernst nehmen und ihnen auf diese Weise Aufmerksamkeit, Anerkennung und Bestätigung zuteilwerden lassen. Bleibt man auf einer spielerischen, aber dennoch erkenntnisreichen Lernebene, kann mit dem Erforschen von naturwissenschaftlichen und technischen Phänomenen gar nicht zu früh begonnen werden.

Wie unterstützt man den natürlichen Forscherdrang der Kinder am besten?
Dr. Heike Blümer: Um den natürlichen Forscherdrang der Kinder zu unterstützen ist es wichtig, sich auf die Gedankenwelt der Kinder einzulassen. Uns muss klar sein, dass ein Kind, wenn es um die Erklärung von naturwissenschaftlich-technischen Phänomenen geht, kein komplett „leeres Blatt“ ist.

Kinder versuchen stets, sich die sie umgebende Lebenswelt zu erklären und entwickeln auf der Basis der phänomenologischen Beobachtung, der beschreibenden Alltagssprache sowie der Informationen aus ganz unterschiedlichen Quellen, eigene Schlussfolgerungen. Diese kindlichen Vorstellungen – die so genannten Präkonzepte – müssen aufgegriffen und weiterentwickelt werden.

Mit geeigneten Materialien zum Experimentieren können die Kinder ihre Vorstellungen zu einem Phänomen selber konkretisieren und überprüfen. Beim zielgerichteten Experimentieren sammelt das Kind dann neue Erkenntnisse und setzt sie in einen sinnstiftenden Zusammenhang.

Gegebenenfalls korrigiert und erweitert es seine Vorstellungen zu dem zu erforschenden Phänomen und konstruiert so sein Wissen darüber selbst. Zur Unterstützung des Forscherdrangs der Kinder gehören demnach Materialien, mit denen Kinder angeleitete, aber auch frei entworfene Experimente, die ihren Bedürfnissen und Kompetenzen entsprechen, durchführen können.

Glauben Sie, dass man Kinder mit Hilfe von Experimenten bzw. Experimentierkästen für Naturwissenschaften und Technik begeistern kann?
Dr. Heike Blümer: Meine Erfahrung ist, dass die Begeisterung für Naturwissenschaften und Technik gerade bei jüngeren Kindern nicht erst generiert werden muss. Sie ist bereits – und das meist in einem bemerkenswerten Ausmaß – vorhanden. Aber es geht darum, diese Begeisterung langfristig aufrechtzuerhalten und dabei spielen natürlich Experimentierkästen eine herausragende Rolle.

Naturwissenschaftliche und technische Phänomene sind nur schwer zu erschließen, wenn man lediglich darüber spricht oder liest. Sie müssen erfahrbar und begreifbar sein, d. h. sie müssen mit möglichst vielen Sinnen erfasst werden können. Dies gewährleisten gut strukturierte und nach Möglichkeit von den Kindern mit entwickelte Experimente in besonderer Weise.

Was macht einen guten Experimentierkasten für Kinder aus?
Dr. Heike Blümer: Ein guter Experimentierkasten für Kinder zeichnet sich durch sorgfältig ausgewählte, ansprechende Materialien und Komponenten aus, die einen reibungslosen, sicheren und funktionierenden Ablauf der Experimente gewährleisten. Idealerweise zeigen die durchführbaren Experimente ein und denselben Wirkmechanismus in unterschiedlichen Zusammenhängen und führen so zu einem vertieften Verständnis.

Die Experimente bauen aufeinander auf und sind modifizierbar, so dass die Kinder eigene Wege und Lösungsstrategien verfolgen können. Die Anleitungen sind eindeutig und knüpfen an die Vorstellungen der Kinder an. Vor allem ermöglicht ein guter Experimentierkasten den Kindern ein selbstständiges Erforschen von naturwissenschaftlichen und technischen Phänomenen aus ihrer Lebenswelt.

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