Arcania: Gothic 4

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Wie schon bei Gothic 3 wird auch bei dieser Fortsetzung kräftig genörgelt. Fast einhellig wird auf das Spiel „eingedroschen“: Die Gothic-Reihe ist tot, so das weit verbreitete Urteil. Auch wir haben uns die Neuerscheinung zu Gemüte geführt und waren positiv überrascht, das Spiel wird deutlich schlechter gemacht, als es tatsächlich angebracht wäre…

Inhalt
Der Spieler schlüpft in die Rolle eines jungen namenlosen Schafhirten, der seine Existenz in bescheidenen aber glücklichen Verhältnissen fristet. Fernab von jeglichem ernsthaftem Ungemach lebt er vor sich hin und darf im Grunde ein sehr glückliches Dasein sein Eigen nennen. Die Krönung für dieses einfache aber ansprechende Leben soll die Heirat mit Ivy werden, seiner Angebeteten. Zusammen wollen sie, bevor ihr Baby auf die Welt kommt, in ferne Landen ziehen und Abenteuer erleben – vorher soll freilich geheiratet werden. Doch die Vermählung findet nie statt, das Dorf wird überfallen und seine Angebetete stirbt mit dem ungeborenen Kind. Unser Held schwört Rache und der Spieler hat die Aufgabe, ihn auf diesem Weg zu begleiten…

Im Grunde ist die Story nichts Neues, man setzt hier auf einen altbekannten und tausendfach bewährten Plot: Friedliebender Held lebt vor sich hin bis es zu einem unerwarteten Unglück kommt, der diesen zu den Waffen und in den Kampf zwingt. Da diesem nichts außer Rache und Wut geblieben ist, hält ihn auch nichts mehr zurück auf seinem Pfad der Rache. Im Grunde machen die Entwickler an dieser Stelle alles richtig, der Spieler bekommt Gelegenheit, sich in den Charakter einzufühlen und sich in seine Verzweiflung reinzudenken: Das permanente Herumgekämpfe bekommt einen Sinn, außerdem wird der Spieler motiviert, sich von einem Duell zum anderen zu hangeln und eine Schlacht nach der anderen zu bestreiten.

Allerdings ist so ein Plot kein Selbstläufer, zusätzliche Handlungsstränge und Spieltiefe sind von Nöten, um den Spieler dauerhaft vor den Bildschirm zu fesseln. Leider klappt das hier nur bedingt, denn hier wird einiges an Potenzial verschenkt. Zum einen ist die Story ein wenig zu geradlinig, alternative Handlungsverläufe sucht man vergeblich – zwar gibt es kleine Varianzen aber im Großen und Ganzen ist der Verlauf der Geschichte vorgegeben. Der andere Punkt sind die etwas hölzernen Dialoge, die etwas mehr Charme und Esprit vertragen könnten, nicht dass wir tiefgreifende Konversationen erwarten würden – aber etwas mehr Wortwitz und ansprechende Unterhaltungen haben noch niemandem geschadet.

Das Hauptproblem hierbei ist, dass die ganzen Gespräche nicht wirklich wie aus einem Guss wirken. Sie sind schmückenden aber im Grunde überflüssigen Beiwerk. Hier hätte man noch einiges mehr machen können.

Eine Idee wäre beispielsweise gewesen, wenn die Dialoge deutlich interaktiver gestaltet worden wären und sich direkt auf den Handlungsverlauf und die Beziehungen der Figuren ausgewirkt hätten.

Zwar sind das keine großen Probleme, um die man einen größeren Aufriss machen müsste, aber schade ist es irgendwie trotzdem. Eine derart dankbare Story sollte besser umzusetzen sein, hier wurde einiges an Möglichkeiten vergeben. Zwar sitzt man als Spieler trotzdem noch gebannt vor der Mattscheibe, das hohe Niveau von Gothic 1 & 2 wurde jedoch nie erreicht.

Umgebung und Grafik
Auch hier spiegelt sich das ganze Dilemma des Spiels wieder. Zwar ist die Grafik als durchweg sehr gut zu bezeichnen, obwohl man vielleicht noch etwas hätte an der Mimik machen können. Beispielsweise ist es ein Genuss, sich die schönen Landschaften anzusehen und der Anblick der detailierte Settings kann durchaus auch als Hochgenuss bezeichnet werden. Blöd nur, dass es den Machern hier nicht gelungen ist, die weitläufigen Landschaften mit Inhalt zu füllen. Zwar hüpft hier und da ein Monster herum oder es steht eine Schatztruhe in irgendeiner Ecke, aber wirklich befriedigend ist das nicht. Die Lösung für dieses Problem wäre beispielsweise ein Reittier gewesen oder ein klein wenig weniger Raum: Genau das schienen sich auch die Entwickler gedacht zu haben, als sie auf diese ominösen Portale zurückgegriffen haben: Man hat zwei miteinander verbundene Plattformen und sobald der Spieler diese aktiviert hat, kann er zwischen ihnen hin und her reisen. Da sich das „Beamen“ aber leider nur auf zwei Orte beschränkt und die ganzen Portale nicht miteinander verknüpft sind, hält sich auch der Nutzen ziemlich im Rahmen. Also auch hier hätte man einiges tun können…

Wo es allerdings kaum was zu meckern gibt, sind der Sound und die Hintergrundmusik, der trifft die Stimmung, die das Spiel beim Nutzer erzeugen soll, „voll auf den Punkt“. Besser hätte man es wirklich kaum machen können: Große epochale Musik, ein klassisches Rollenspiel, ein Hauch Tragik und ein Quäntchen Dramatik – in jedem Fall kann man hier von einer sehr guten Leistung sprechen. Wo wir allerdings auch noch etwas Verbesserungsbedarf sehen, ist bei den Sprechern – allerdings ist hier anzumerken, dass sich nicht ausmachen lässt, ob die Dialoge und die entsprechenden Redner das Problem darstellen.

Kampf oder Krampf?
Das Kampfsystem ist auch eine Baustelle, derer man sich hätte annehmen müssen. Wirklich taktisch geht es hier leider nicht zu, denn mehr als ein schnelles Herumgeklicke ist für einen erfolgreichen Kampf nicht nötig. Ein bisschen mehr Mühe hätte man sich hier schon geben können, vor allem die „alten Hasen“ unter den Spieler dürften sich hier mehr erwartet haben. Was man hier hätte anders machen können, ist allerdings auch schwer zu sagen: Wirklich schlecht ist die Leistung nicht, aber irgendwie erwartet man als Spieler ein wenig Möglichkeiten der Leidenschaft im Kampf. Mehr als Standard wird dem Nutzer allerdings nicht geboten…

Auch das Tutorial ist im Grunde ganz gut angedacht, aber hier hätte sich wahrscheinlich ein anderes Setting eher bewährt. So erfährt man am Anfang des Spiels, dass unser junger Schafhirte durchaus kampferprobt ist – ein guter Freund hat ihm das Kämpfen beigebracht. Warum also hat man diesen Sachverhalt nicht deutlich mehr eingebaut, das Kampftraining der vergangenen Jahre hätten man einfach nachspielen können. Genau das hätte auch den Raum dafür gegeben, die einzelnen Figuren (seine Verlobte und seinen Freund) etwas besser einzuführen, um den Schmerz des Verlustes noch etwas nachvollziehbarer zu machen.

Fazit

Wer sich den Text jetzt noch einmal durchliest, der wird feststellen, dass wir einige Punkte gefunden haben, die uns durchaus stören – trotzdem haben wir von einer „positiven Überraschung“ gesprochen. Das klingt fast nach einem Widerspruch, einen, der an dieser Stelle aufgelöst werden muss. Das Spiel bleibt deutlich hinter den Erwartungen zurück, zumindest wenn man die wirklichen Gothic-Klassiker und Rollenspielkracher der vergangenen Jahre als Maßstab anlegt. Wer das Spiel jedoch so nimmt, wie es ist, und die übergroßen Fußstapfen ignoriert, der wird jedoch feststellen, dass „Arcania: Gothic 4“ im Grunde ein gut gemachtes, sehr solides (actionbetontes) Rollenspiel ist. Eines, was man sich durchaus antun kann, ohne Angst haben zu müssen, mit dem Kauf des Spieles „Geld aus dem Fenster zu werfen“. Worauf Sie aber unbedingt achten sollten, sind die Systemanforderungen, mit älteren Modellen könnte es unter Umständen schwierig werden, tatsächlich einen Spielgenuss aufkommen zu lassen.

Tatsächlich ist das Spiel durchaus spannend und hat einige enorme Stärken und Höhepunkte, allerdings darf man dabei nicht die Schwächen und Tiefen der Neuerscheinung aus dem Blick verlieren. Im Grunde ist das Spiel für jeden geeignet, sowohl für Gothic-Fans, als auch für Rollenspiel-Neulinge und -Veteranen (man kann auch zu Beginn den Schwierigkeitsgrad einstellen). Der Preis von knapp 40€ ist zwar recht hoch, aber im Grunde wird dem Käufer ein ausgeglichenes Preis-Leistungs-Verhältnis geboten.

Worauf wir jedoch noch hinweisen möchten, ist, dass das Spiel nicht für jüngere Spieler geeignet ist. „Arcania: Gothic 4“ ist sehr actionbetont (und irgendwie auch ziemlich brutal), wir würden deshalb ein Einstiegsalter von ca. 14 Jahren ansetzen – freigegeben ist es ab 12. Im Zweifelsfall kann man auch einen Blick in die Demoversion werfen oder sich Videos aus dem Spiel auf diversen Onlineplattformen ansehen und dann entscheiden, ob sich der Kauf lohnt…

  • Publisher (Entwickler)  JoWooD
  • Vertrieb  EuroVideo
  • System  PC (DVD-ROM)
  • USK  ab 12
  • Empfohlener VK  54,99 €
  • Spieleinteilung: Vielspieler, Gelegenheitsspieler
  • Schwierigkeitsgrad: 3 (mittelschwer spielbar)

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Über den Autor

Redakteur für Computerspiele und DVDs. Seit über zwei Jahren werden vor allem Computerspiele von mir auf Herz und Nieren getestet.

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