Great Battles Medieval

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Zugegebenermaßen, „Geschichte“ war eines meiner Lieblingsfächer im Unterricht – dank meinem Lehrer. Ich hatte gewissermaßen das Glück, jemanden vor mir stehen zu haben, der mir Vergangenes so schildern konnte, als ob es erst gerade geschehen war. Geschichte wurde dadurch lebendig, nachvollziehbar und auch ein wenig unterhaltsamer. Ganz ähnlich versucht es „Great Battles Medieval“, obgleich die Unterhaltung hier natürlich im Vordergrund steht und die Wissensvermittlung eher eine Dreingabe zur Authentizitätssteigerung darstellt. Das Spiel tritt ziemlich ambitioniert auf, ob es auch hält, was es verspricht?

Grundsätzlich kann man zu Beginn schon einmal festhalten, dass die Spielidee gar nicht so schlecht ist. Die Kombination aus Geschichte und Taktikspiel hat enormes Potenzial und mit HISTORY (Pay TV-Sender) hat man auch einen Partner gefunden, der ansprechende Unterstützung gewährleisten dürfte – zumindest dachten wir das. Ohne mit der Kritik einsteigen zu wollen, das Spiel scheiterte nicht an der audiovisuellen Begleitung des Inhalts, die historischen Umstände, die zum „100-Jährigen Krieg“ führten, werden sehr gut deutlich. Die verschiedenen Einspielungen (Dokumentarclips von HISTORY) bieten einen interessanten Einstieg in die Thematik und sorgen für eine authentische Atmosphäre, zumindest in der Hinsicht gibt es kaum was zu meckern.

Problematisch sind viel eher der Aufbau und die Grafik des Spiels, also der Kernpunkt der Umsetzung: Der Spieler schlüpft, wie bei den meisten Spielen dieses Genres auch, in die Rolle eines Kriegsstrategen. Er rüstet die Truppen auf, wandelt die gewonnenen Fertigkeitspunkte in konkrete Fähigkeiten um, sorgt für die finale Schlachtaufstellung, befehligt die Truppen im Gefecht und sorgt gegebenenfalls für einen Motivationsschub, wenn es für die eigenen Mannen mal nicht ganz so gut aussehen sollte. Drei Screens sind bei der Schlachtvorbereitung wesentlich: Die Karte, das Armeelager und die Kartenauswahl.

Auf der Karte kann der Spieler den Ort des Geschehens aussuchen, zumeist hat er die Auswahl zwischen verschiedenen Regionen, an denen man den Kampf aufnehmen kann. Hier fiel vor allem auf, dass man einige Kämpfe immer und immer wieder wiederholen kann. Zwar ist das ein nettes Kampftraining für die eigenen Mannen, läuft aber ein wenig dem historisches Hintergrund zuwider: Spätestens wenn man 20 Mal über die Gegend hergefallen ist, dürfte sie nahezu entvölkert sein – woher nehmen die Regionen das Menschen- und Waffenmaterial? Abgesehen davon hätte man, wenn einige Schlachten zeitunabhängig wiederholt werden können, wenigstens etwas Variation reinbringen können. Zumindest was die Erstaufstellung des Gegners betrifft, wäre ein wenig Abwechslung hilfreich gewesen – dazu aber später mehr.

Bevor der Spieler sich ins Gefecht wirft, sollte er unbedingt einen Blick ins eigene Lager riskieren. Hier kann er neue Truppen ausheben und alte einstampfen, er kann die Rüstungen verbessern oder die Qualität verringern, natürlich ist es auch möglich, die Bewaffnung zu modifizieren. Im Laufe des Spiels bekommt man immer mehr Möglichkeiten, seine Truppen ansprechend auszurüsten, allerdings sollte man die Fähigkeiten beim Kauf von neuem Equipment immer im Auge behalten.

Die Kartenauswahl ist vor allem für das Gefecht relevant. Um den Verlauf der Schlacht zum eigenen Gunsten zu wenden, ist es möglich, bestimmte Ereigniskarten auf die einzelnen Truppenkontingente anzuwenden. Die Idee erinnert ein wenig an Yu-Gi-Oh, ist aber im Grunde keine schlechte Idee und wurde der Spielumgebung entsprechend angepasst.

Während der Schlacht muss man verschiedene Truppen befehligen, oftmals nur die eigenen – manchmal gibt es aber auch Unterstützung befreundeter Parteien. Bevor man sich jedoch ins Schlachtgetümmel wirft, kann man die einzelnen Teile seines Heeres in einem bestimmten Arial positionieren, dies ist auch das Kernstück des Taktikspiels. Tatsächlich hängt der Erfolg des Kampfes unmittelbar von dem Geschick beim Hin- und Herrücken der eigenen Soldaten ab. Auch sollte man aufpassen, welche Einheiten man beim Angriff verwendet, so manche Truppe ist durch unsachgemäße Verwendung aufgerieben worden. Es gilt also genauestens zu schauen, welches Heer (mit welchem Soldatentyp) gegen welchen Gegner antritt. Bei optimalem Erfolg sind die Verluste auf der eigenen Seite gering, was wiederum bedeutet, dass die Sanitätskosten sehr gering ausfallen und mehr Geld für Verbesserungen an der eigenen Truppe übrig bleibt.

Grundsätzlich muss man sich jedoch nicht im Kampagnenmodus abrackern. Auch ist es möglich, einzelne Schlachten nachzuspielen, das Ausrüsten und Hochzüchten der Fähigkeiten der eigenen Einheiten ist dann aber kaum noch möglich. Unabhängig davon kann man sich zwischen verschiedenen Schwierigkeitsgraden entscheiden und wird gezwungen, ein Tutorial zu durchlaufen. Uns ist allerdings nicht ganz klar, warum wir dazu genötigt werden mussten – freiwillig hätten wir es (wie viele andere Nutzer) auch getan.

Das Problematische an dem Spiel ist weniger die Grundidee, die eigentlich ganz gut umgesetzt wurde. Auch wenn wir uns hier etwas mehr Abwechslung gewünscht hätten, denn irgendwie erinnerte das Spiel an einigen Stellen sehr an Schach, gibt es hier nicht allzu viel zu meckern. Zwar hätten wir uns auch ein wenig mehr Anleihen an Wirtschaftssimulationen erhofft, aber im Großen und Ganzen ist die hier abgelieferte Leistung OK.

Vielmehr waren es die Grafik und an einigen Stellen die Handhabung, die uns ziemlich genervt haben. Besonders erstere hat die sehr guten Ersteindrücke auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Trotz den höchsten Einstellungen und einem wirklich guten Testrechner erinnert uns die visuelle Umsetzung eher an Spiele, die vor 2 Jahren aktuell gewesen sind. Hier hätte einiges getan werden müssen, die Umgebung hätte deutlich detailierter und realistischer ausfallen können – der Authentizität des Spielerlebnisses hätte es nur gut getan. Zwar ist die Grafik nicht wirklich schlecht, aber unseren hohen Erwartungen konnte sie nicht standhalten. In der Schule würde man wahrscheinlich von einer befriedigenden Leistung sprechen, nur würde diese nicht unsere Enttäuschung über das verschenkte Potenzial annähernd ausdrücken können.

Die Handhabung und Steuerung des Spiels ist manchmal auch etwas ungeschickt. Insbesondere hätte man im Schlachtmodus daran denken können, einen Zoomfaktor einzubauen, mit dem man das ganze Kampfgebiet überschauen kann. Auch die Handhabung der Armeeverwaltung ist nicht ganz so glücklich gewesen: Es wäre deutlich sinnvoller gewesen, wenn ein Modus gefunden worden wäre, bei dem man die zu kaufenden Gegenstände direkt miteinander hätte vergleichen können. Die momentane Lösung erlaubt nur einen Vergleich zwischen den verschiedenen Schilden oder den unterschiedlichen Waffen sowie zwischen den jeweiligen Rüstungen. Analog dazu hätte eine solche Abänderung auch dem Fähigkeitenmenü gut getan.

Was ist also von dem Spiel zu halten? Grundsätzlich ist „Great Battles Medieval“ ein ganz gutes Spiel, das dem einen oder anderen Spieler durchaus gefallen dürfte. Vor allem für Einsteiger und Fortgeschrittene im Taktik-Genre dürfte das Spiel ein ansprechende Alternative sein, insbesondere dann, wenn diese über einen etwas älteren PC verfügen und bei den Grafikeinstellungen der Konkurrenzspiele einige Abstriche hätten machen müssen. Da das Spiel vergleichsweise niedrige Systemanforderungen hat, dürften diese bei „Great Battles Medieval“ durchaus auf ihre Kosten kommen, ohne sich über das nicht ausgereizte (Grafik-) Potenzial ärgern zu müssen. Allen anderen möchten wir dringend raten, sich vorher Trailer und Videoclips des Spiels auf einschlägigen Plattformen anzuschauen – so lässt sich am ehesten abschätzen, ob die nicht ganz so brillante Grafik ein Kaufhemmnis darstellt oder nicht. Geeignet ist es ab einem Alter von ca. 13-15 Jahren, freigegeben ist es ab 12 Jahren.

„Great Batles Medieval“ ist kein schlechtes Spiel, sondern nur eins, das Unmengen an Potenzial vergeudet. Mit knapp 30€ bewegt sich das Preisniveau in der oberen Mittelklasse, im Grunde handelt es sich um ein Preis-Leistungsniveau, das in Ordnung geht – sofern man zu der bezeichneten Personengruppe gehört, denen wir das Spiel am ehesten ans Herz legen würden.

  • Publisher (Entwickler) dtp (Slitherine)
  • System  PC (DVD-ROM)
  • USK  ab 12
  • Empfohlener VK  39,99 €

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Über den Autor

Redakteur für Computerspiele und DVDs. Seit über zwei Jahren werden vor allem Computerspiele von mir auf Herz und Nieren getestet.

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