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100 Jahre Mensch ärgere Dich nicht

Obwohl es wirklich keinen Grund zum Ärgern gibt, bleibt die Mine des genervten Anzug- und Krawattenträgers auf der knallroten Packung unbeeindruckt griesgrämig. Vielleicht liegt’s am giftgrünen Streit-potenzial des Packungsinhalts, dass bei dem finster blickenden Herrn keine Freude aufkommt.

Grund dazu gibt es allemal: “Mensch ärgere Dich nicht”, von vielen als Mutter aller Spiele bezeichnet und hierzu-lande in jedem Haushalt vertreten, feiert in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag!

Die Geschichte des berühmten Jubilars, von dem bislang etwas mehr als 90 Millionen Exemplare unters deutsche “Spielevolk” gebracht wurden, begann 1907 in einer winzigen Wohnküche im Armeleute-viertel jenseits der Isar in der Münchner Au. Dort tüftelte Joseph Friedrich Schmidt, der als Fierant – also Händler – am berühmten Viktualienmarkt eingetragen war, an einem Spiel, das 100 Jahre später einen Ehrenplatz im Bonner ‘Haus der Geschichte’ haben sollte.

Aus einem verbeulten Hutkarton und mit kleinen Holzklötzchen schnitt, schnitzte und malte der in Amberg (24.11.1871) geborene Bastler an einem “Beruhi-gungsmittel”, mit dem er den Tatendrang seiner drei Söhne in der engen Wohnung bremsen wollte. Für seine Idee holte er sich die Inspiration bei einem Laufspiel, das gut und gerne bereits 2000 Jahre alt ist: das indische Laufspiel Pachisi.

Schmidt fuhr die Regeln dieses mythologischen Taktikspiels zurück aufs Wesentliche, ließ die Figuren um ein Kreuz auf dem Spielplan laufen und gab die kleinen Kegel während der gesamten Spieldauer zum “Abwurf” frei. Sehr zur Freude des Geschwistertrios – und der Eltern. Denn fortan war Ruhe in der kleinen Mietwohnung in der Au, auch wenn sich dort am Küchentisch jetzt manch einer noch mehr ärgerte – und dabei ungemein viel Spaß hatte. “Mensch ärgere Dich nicht” meinte dazu Joseph Friedrich Schmidt und hatte den Titel für sein kleines Spiel gefunden.

So richtig geärgert hat sich damals ja eigentlich nur er: Denn als Joseph Friedrich Schmidt mit seinem Spielspaß an die Öffentlichkeit wollte, blieb er auf wenigen, handverlesen gebastelten Exemplaren sitzen! Keiner mochte am Vorabend des Ersten Weltkriegs ans Spielen denken. Doch der glücklose Erfinder gab nicht auf!

Was man heute als geniale Marketingidee bezeichnen würde, öffnete 1914 die Tür für Deutschlands Spieleliebling Nr. 1: Schmidt investierte erstmals in größerem Stil in seine Idee, ließ 3.000 Exemplare “Mensch ärgere Dich nicht” herstellen und schickte diese Erstserie als Sachspende an die Lazarette. Der lustige Zeitvertreib mit Pöppel, Würfel & Co schlug ein! Und nicht nur an den Krankenbetten…

Das temporeiche Vorrücken, schadenfrohe Blockieren und mitleidslose Rausschmeißen sorgte landauf landab für fröhliche Spielerunden – und Vergessen. Und als die deutschen Landser zu Hause ihre Tornister wieder auspacken durften, steckte darin neben vielen Erinnerungen eben auch “Mensch ärgere Dich nicht”. Gefreut hat sich darüber besonders natürlich Josef Friedrich Schmidt, der schnell zum angesehenen Besitzer eines kleinen Spieleverlags avancierte:

Bereits zwei Jahre nach Beendigung des Ersten Weltkriegs standen mehr als eine Million der roten Kartons mit dem düsteren Herrn im geschwungenen M in den Wohnzimmern der Deutschen. “Mensch ärgere Dich nicht” war bei ihnen angekommen. Auch dank seines günstigen Preises: 35 Pfennige kostete das schnell zum Bestseller avancierte Spiel; weniger als man damals für ein Pfund Zucker zahlte.

geschwungenen M in den Wohnzimmern der Deutschen. “Mensch ärgere Dich nicht” war bei ihnen angekommen. Auch dank seines günstigen Preises: 35 Pfennige kostete das schnell zum Bestseller avancierte Spiel; weniger als man damals für ein Pfund Zucker zahlte.

“Mensch ärgere Dich nicht” ist für viele der Inbegriff des Gesell-schaftsspiels und für die meisten “Einstiegsdroge” in die vergnüglich-kurzweilige Spielewelt. Es gibt hierzulande nur wenige, die sich an langen Abenden nicht “süchtig” gewürfelt haben bei der rasanten Jagd mit den farbigen Pöppeln über die 40 Kreise auf dem gelben Spielbrett.

100 Jahre lang hat sich “Mensch ärgere Dich nicht” nach diesem Prinzip durchs Leben und in die Herzen der großen und kleinen Spielefans gespielt. Und die unendlich gute Geschichte geht weiter. Auch heute noch werden jährlich rund 400.000 Exemplare dieses “populärsten Gesellschafts-spiels der Nation” (Spiegel) verkauft – trotz vielfacher digitaler Verlockungen. Diesen stellt sich “Mensch ärgere Dich nicht” ganz selbst-bewusst mit einer eigenen smarten App, die zu den meistverkauftetsten Anwendungen avancierte.

Die Rechte für Titel und Design dieses großen Spiels um Schaden-freude liegen beim Schmidt Spiele Verlag, der bis 1997 von den Nachfahren des Erfinders geführt wurde und seit Mitte 1997 zur Good Time Holding in Berlin gehört. Schmidt Spiele zählt mit Brett-spielen, Puzzles, Plüschfiguren und digitalen Entertainment-Produk-ten zu den großen deutschen Spieleverlagen und kennt sich mit Klassikern und Bestsellern aus: Demnächst steht wieder ein Jubiläum ins Haus, wenn “Spitz pass auf!” seinen 75. Geburtstag feiert…

Wer tiefer in die Geschichte dieses genialen Spiels einsteigen möchte, sollte sich die Sonderausstellung “Mensch ärgere Dich nicht: Das populärste Spiel der Nation” im Museum Malerwinkelhaus im unterfränkischen Marktbreit (10. April – 2. November) nicht entgehen lassen. Die von Dr. Simone Michel-von Dungern konzipierte Wander-

ausstellung zeichnet mit zahlreichen Exponaten der Originalmarke, Vorläufern und kreativen Nachahmungen sowie Beispielen aus Werbung, Film und Fernsehen die Erfolgsgeschichte dieses Spiels von den Anfängen bis heute nach.

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