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Mädchen auf der Überholspur

Als ich das Buch zum ersten Mal in den Händen gehalten habe, schwante mir Böses. Vor meinem geistigen Auge blitzte bereits eine besorgniserregende Vision von mies erzählten Anekdoten und semiwitzigen Geschichten über die Beziehung von Mann und Frau auf. Als leidgeprüfter Verlobter eines weiblichen Mario-Barth-Fans bin ich zwar einiges gewohnt, aber die Vorahnung einer seitenlangen Lektüre mit ausgelutschten Anekdoten ließ mich erschaudern. Nach den ersten Seiten war ich dahin gehend ziemlich überrascht, zumindest der hundertste Versuch eines Aufgusses komödiantischer Darbietungen blieb mir erspart. Statt einem unglücklichen Versuch witzig zu sein, versuchte sich der Autor dem Thema „Geschlecht und Gesellschaft“ glaubwürdig und ernsthaft zu nähern – Gott sei Dank!

Nachdem sich auch das letzte Schreckgespenst postpubertärer Beziehungskomik verzog, begann ich mich ausführlicher mit dem kleinen Büchlein zu befassen. Auf knapp 150 Seiten breitet der Autor, ein ehemaliger Lehrer, seine Gedanken zum Thema Mann, Frau und Gesellschaft aus. Die Vorgehensweise erinnert dabei an eine Mischung aus Hausarbeit und gesellschaftspolitischem Feuilleton. Blattert stellt in seiner Arbeit mehrere Thesen auf, welche er in den Kapiteln zu belegen versucht. Die einzelnen Behauptungen leiten die jeweiligen Textabschnitte ein, die sich mit den einzelnen Vermutungen auf ca. 10-15 Seiten beschäftigen.

Das Thema des Buches beschränkt sich jedoch nicht nur auf die Frage, ob „“ ihre männlichen Artgenossen überholen. Jugendgewalt, Wandel der Werte, Veränderung der Erziehungsmethoden und Ernährungsgewohnheiten, aber auch die Medienlandschaft werden dabei in die Betrachtungen einbezogen. In der Hinsicht kann man dem Autor nur gratulieren, denn er schafft es dadurch, das Thema authentisch in einen Gesamtzusammenhang einzuordnen.

Da Thesen und Erläuterungen aufeinander aufbauen, kam der Autor auch nie in Verlegenheit, den roten Faden zu verlieren oder sich in größere Widersprüche zu verstricken. Grundsätzlich positiv ist auch, dass am Ende des Buches auch ein Literaturverzeichnis angehängt wurde. Da es im fortlaufenden Text leider kaum einen Quellenverweis gibt, ist es für den Leser dennoch sehr schwierig, die einzelnen Information einer entsprechenden Quelle zuzuordnen. Sinnvoller wäre es gewesen, wenn die entsprechenden Verweise bereits am Ende (oder innerhalb) der jeweiligen Kapitel erfolgt wären.

Was den Inhalt des Buches betrifft, kommen wir zu einem ambivalenten Ergebnis. Das grundsätzliche Problem in seiner Argumentation ist nicht etwa die fehlende Detailkenntnis, sondern mehr die eigene Perspektive. Von Anfang wird klar, dass die Ausführungen des Autors auf ein ganz bestimmtes Ergebnis abzielen. Seiner Arbeit liegt dahin gehend weniger ein wissenschaftliches oder unvoreingenommenes Erkenntnisinteresse zugrunde, als viel mehr die Motivation, eine aus seiner Sicht treffende Kritik an Gesellschaft, Medien und Zeitgeist abzuliefern. Eben diese Position ist gleichermaßen die größte Stärke wie Schwäche des Buches. Stärke deshalb, weil gerade dieser Punkt zu einer intensiven Diskussion und Selbstreflexion anregen kann. Eine wissenschaftlich fundierte Analyse mag zwar genauer, fundierter und nachvollziehbarer sein, ist aber meistens auch um Längen langweiliger und dürfte den Leser ohne dementsprechende Vorbildung eher Abschrecken als zum Weiterdenken animieren. Problematisch wird die ganze Sache jedoch deshalb, eben weil eine solche polarisierende Argumentation angreifbar macht und zu Ungenauigkeiten oder Ungereimtheiten führt beziehungsweise führen kann. Unter Umständen könnte sich der Leser von dieser Art und Weise angegriffen fühlen, sodass dieser sich der Argumentation von Anfang an verschließt und sich nicht auf die Position des Autoren einlässt oder einlassen kann.

Der Schreibstil Blatterts trägt ebenso zu diesem Ergebnis bei. Seine Ausführungen lesen sich wie einzelne Gedankengänge, welche mit Hilfe von Statistiken unterfüttert werden sollen, um am Ende zu einem schlüssigen Ergebnis zusammenzulaufen. Er argumentiert dabei aber nicht nur, sondern fängt während seiner Erläuterungen an zu werten und zu kommentieren. Einerseits ist das ein sehr geschickter Kniff, der Leser kann dadurch unmittelbar in die Gedankengänge eintauchen und bekommt einen direkten Bezug zum Thema. Andererseits ist das auch nicht ganz ungefährlich, da der gebotene Abstand – also die Grundlage einer jeden sachlichen Diskussion – dabei sehr schnell verloren gehen kann.

Am Ende einer solchen Besprechung stellt sich natürlich immer die Frage, für wen dieses Buch überhaupt geeignet ist. Definitiv würden wir diese Publikation niemandem empfehlen, der sich mit dem Thema wissenschaftlich auseinandersetzen möchte. Wer jedoch einen interessanten Beitrag und Diskussionsanstoß sucht, der macht mit einer Anschaffung des Buches nichts falsch. „“ eignet sich dahin gehend auch für den Sozialkunde- und Ethikunterricht. Die geäußerten Thesen und dahin gehenden Ausführungen liefern hervorragende Vorlagen für Debatten, welche vor allem Schüler der Klassenstufen 9 – 12 ansprechen dürften. Da das Buch mit knapp 13€ recht preisgünstig ist und bei nur ca. 150 Seiten auch keinen riesigen Umfang hat, ist es in Anschaffung und Handhabung als sehr schülerfreundlich zu bezeichnen. Da die einzelnen Themen ohnehin Gegenstand des Unterrichts sind, dürfte das Buch eine sehr schöne Ergänzung sein.

Aber auch Eltern können von „“ profitieren, denn zahlreiche dieser kritischen Anmerkungen liefern nicht nur Diskussionsstoff, sondern regen direkt zum Überdenken der eigenen Erziehungsmethoden an. Selbst wenn man dem Autor nur bedingt oder überhaupt nicht zustimmen möchte, zumindest dürfte dies dafür sorgen, dass sich Eltern und Erziehungspersonal mit dem eigenen Handeln kritisch auseinandersetzen. So dürfte sich vielleicht bei dem einen oder anderen auch mal die Frage stellen, ob es beispielsweise sinnvoll ist, das Kind einem exzessiven und unbegleiteten Medienkonsum auszusetzen. Wer, beruflich oder privat, mit Kindern und Jugendlichen zu tun hat, der sollte einen Blick ins Buch riskieren – es lohnt sich!

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