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Cowspiracy

Ein guter Dokumentarfilm bewegt, informiert und regt zum Nachdenken an. Zugegebenermaßen: Cowspiracy regt zur kritischen Reflexion der eigenen Lebensweise an – allerdings verliert sich der Filmemacher in eigenen Spekulation einer vermeintlichen “Umweltverschwörung”.

Worum geht’s?
Ein Dokumentarfilm, der sich ausschließlich mit Agrarwirtschaft und dessen negativen Folgen für die Umwelt befasst: Zuerst war ich ziemlich skeptisch und fragte mich, ob das Thema derart ergiebig sein könne. Nach Schauen des Films sind meine Bedenken nach wie vor vorhanden, haben sich zum Teil sogar vermehrt. Die grundsätzliche Idee hinter dem Film ist es, dem Zuschauer zu demonstrieren, dass die Fleischproduktion nicht nur Ressourcen vernichtet, sondern auch einen nicht unerheblichen Teil zur Umweltverschmutzung, dem Treibhauseffekt und damit zum Klimawandel beiträgt. Im Großen und Ganzen ein wirklich spannendes wie interessantes Thema.

Nun ist es allerdings nicht gerade so, dass die Auswirkungen der Agrarindustrie auf die Umwelt völlig unbekannt wären und hier eine unerhörte Entdeckung gemacht worden ist. Aktive Umweltschützer dürften zumindest zu einem nicht unerheblichen Teil wissen, dass in diesem Bereich Handlungsbedarf besteht. Insofern stellt sich die Frage, warum der Autor den Film auf knapp 1,5 Stunden in die Länge zieht, die Kernbotschaft dürfte bereits nach den ersten 45 Minuten angekommen sein.

Für einen uninformierten Personenkreis hingegen, der sich in der Freizeit kaum mit solchen Themen beschäftigt, mag mehr Zeit notwendig sein – ob diese aber Willens sind, sich einen derart langen Dokumentarfilm anzutun, bleibt offen. Ein geschickterer Schnitt und eine deutlich komprimierte Erzählweise wären daher zielführender gewesen, auch weil der Einsatz in Schulen damit deutlich wahrscheinlicher geworden wäre (hierfür eine Länge von 45min bis 1h optimal).

Störende Einseitigkeit
Jenseits der unvorteilhaften Länge des Videos stört auch die Einseitigkeit der Themenpräsentation. Sicherlich sind die Inhalte interessant und extrem wichtig, sinnvoll wäre es aber gewesen, die Gegenseite zu Wort kommen zu lassen. Damit ist nicht nur gemeint, dass Repräsentanten der Agrarindustrie Raum zur Gegendarstellung hätte eingeräumt werden sollen sondern auch Klimaforschern, Ernährungs- und Verhaltenswissenschaftlern. Diese wären wohl insgesamt deutlich einfacher vor die Kamera zu bekommen gewesen als Unternehmensrepräsentanten oder Lobbyisten.

Mit missionarischem Eifer für eine vegane Ernährungsweise zu werben mag im Sinne des Ziels der Dokumentation liegen, allzu ambitioniert und eindringlich vorgetragen wird aber eher ein Abwehrreflex beim Publikum provoziert. Es wäre wichtig und geboten gewesen, eine gewisse Bandbreite an politischen Positionen und wissenschaftlichen Expertisen abzubilden. Zum einen wären die Dokumentation weit weniger einseitig dahergekommen, zum anderen wäre die Botschaft dadurch aufgewertet worden.

Verschwörung der Agrarindustrie und die Überforderung des Publikums
Ab einem bestimmten Punkt der Dokumentation versucht der Filmer herauszubekommen, weshalb die Einflüsse der Agrarindustrie auf die Umwelt kaum Raum in den Kampagnen einschlägiger Umweltschutzorganisationen (wie beispielsweise Greenpeace) einnimmt. Seine Theorie: Diese wollen nicht ihre Mitglieder verärgern und die Agrarlobby würde vor nichts zurückschrecken. Der Erklärungsansatz wird untermauert mit dem Verweis auf einen Mordanschlag auf einschlägige Aktivisten in Brasilien der 80er.

Wirklich stichhaltig ist jedoch weder der Verweis noch Deutungsansatz im Allgemeinen. Zum einen war Brasilien in den 80ern im Wandel, politische Gewalt war keine Seltenheit und der Staat hatte auch kein großes Interesse, schützend einzugreifen. Auf die heutigen Verhältnisse können damit keine Rückschlüsse gezogen werden. Einmal abgesehen davon dürfte die Agrarindustrie in den meisten Post-Industriestaaten über deutlich weniger politische Macht verfügen als im heutigen oder damaligen Brasilien. Der Verweis macht herzlich wenig Sinn.

Auch jenseits dessen muss man keine Verschwörungstheorien bemühen, um den mangelnden Willen einschlägiger Verbände zu erklären. Der naheliegende Grund ist wohl weniger ein zu befürchtender Verlust von Einnahmen aus Spenden und Mitgliedsbeiträgen, sondern vor allem eine zu erwartende Verringerung der Kampagnenfähigkeit. Mit anderen Worten: Den Lebensstil einer breiten Masse zu ändern, wird Widerstand und Unwillen hervorrufen, die breite Masse der Menschen wird das nicht wollen.

Der politische Einfluss von Greenpeace & Co ist aber vor allem auf die aktive Unterstützung von Teilen der Bevölkerung zurückzuführen (bei Demonstrationen oder im Allgemeinen durch politische Zustimmung der jeweiligen Ziele). Eben jene Unterstützung würde jedoch bei derartigen Zielen schwinden und damit die Wahrscheinlichkeit, überhaupt irgendetwas zu ändern.

Ganz generell scheint der Filmemacher nicht begreifen zu wollen, dass er nicht zu einer einfachen Verhaltensänderung auffordert (bspw. weniger Strom zu verbrauchen oder alte Glühbirnen durch Energiesparlampen zu ersetzen). Seine Forderung tangiert einen inhärenten Bestandteil der (Ess-)Kultur und Identität seiner Mitmenschen, er greift einen Kernbestandteil der meisten Lebensstile an. Wer so etwas durchsetzen möchte, muss eine langfristige Strategie verfolgen – die Holzhammermethode ist kontraproduktiv.

Als Informationsquelle zu einseitig, als Diskussionsgrundlage optimal
Mit Blick auf den missionarischen Eifer des Filmemachers sowie seinen verschwörungstheoretischen Anwandlungen und der einseitigen Auswahl an Interviewpartnern ist der Film mitnichten geeignet, um sich neutral zu informieren. Der Film möchte eine politische Botschaft senden und versucht gar nicht erst, eine kritische Distanz zur eigenen Botschaft aufzubauen. Als Diskussionsgrundlage wiederum dürfte das ambitionierte, politische Plädoyer durchaus geeignet sein.

Eine gute Moderation vorausgesetzt mit ein wenig Vorbereitung (bspw. Bereitstellen von Informationsmaterialien), könnte ein schulischer Projekttag durchaus von einer Filmvorführung profitieren.

Der Preis von knapp 19€ geht in Ordnung, grundsätzlich halten wir ein Einstiegsalter von knapp 13-14 Jahren bei diesem Thema für angemessen.

FSK: Freigegeben ab 6 Jahren
Studio: Polyband/WVG
Erscheinungstermin: 18. März 2016
Bilder: Polyband

Bewertung

7.0 Bewertung

Mit Blick auf den missionarischen Eifer des Filmemachers sowie seinen verschwörungstheoretischen Anwandlungen und der einseitigen Auswahl an Interviewpartnern ist der Film mitnichten geeignet, um sich neutral zu informieren.

  • Filminhalt/Drehbuch 8/10
  • Bildqualität/Kamera 9/10
  • Schnitt 6/10
  • Tonqualität 8/10
  • Bonusmaterial 4/10

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