Generic selectors
Exact matches only
Search in title
Search in content
Search in posts
Search in pages

Begraben

von Elena Sender, gelesen von Ulrike Grote
Ansprechende Thriller, die sich im Bereich des Möglichen bewegen ohne ins Abwegige abzugleiten und dennoch ein Gefühl des Staunens beim Hörer hinterlassen, sind selten wie kostbar. Elena Sender bietet eine Kostprobe, wie eben ein solches Buch sein kann. Sie vermengt Wissenschaft und Fantasie zu einer mitreißenden Melange aus Fakt und Fiktion, regt zum Nachdenken an und erzeugt dabei auch noch eine kaum zu bändigende Spannung.

Wann hatten Sie zum letzten Mal einen wirklichen Filmriss? Kein angenehmes Gefühl, oder?! Überlegt man mal genau, gibt es mit Sicherheit Situationen, in denen ein solcher Zustand partieller Amnesie durchaus von Vorteil sein kann. Denn mal im Ernst, es gibt mindestens 4-5 Situationen im Leben, an die man sich besser nicht erinnert. Bei den meisten Menschen sind diese Augenblicke mit Scham verbunden oder dem Wunsch, am liebsten im Boden versinken zu wollen. Spinnt man diesen Gedanken und die theoretische Möglichkeit des Wegschließens – des s – von Gedanken weiter, könnte es sich sogar um eine Chance handeln. Wie vielen Menschen würden Seelenqualen erspart bleiben, die mit dem tragischen Tod Nahestehender fertig werden müssen. Wie vielen Vergewaltigungsopfern könnte dadurch „geholfen“ werden? Vielleicht wäre es durch so ein Verfahren sogar möglich, verborgene Gedanken wieder ans Tageslicht zu holen? Kriminologen in aller Welt wären dankbar, denn etliche Fälle könnten dadurch schneller und effizienter aufgeklärt werden.

Mal von diesen offensichtlichen Vorteilen abgesehen, stößt man gerade bei derartigen Möglichkeiten und medizinisch-psychologischen Eingriffen schnell an die Grenze des moralisch und ethisch Vertretbaren. Manipulationen des Ichs und der Selbstwahrnehmung wären dadurch Tür und Tor geöffnet. Mal abgesehen davon, dass man sich überhaupt die Frage stellen müsste, ob es nicht auch derart dramatische Erfahrungen sind, die auch das menschliche Dasein ausmachen.

Die hier gestellten Fragen mögen sich vielleicht sehr abstrakt anhören, sie sind aber letztendlich Resultat des Genusses dieses Hörbuches. Die Protagonistin, Cyrille Blake, leitet als Neuropsychiaterin eine kleine Klinik. Im Grunde kann sie mit ihrem Leben vollkommen zufrieden sein – bis ein junger Mann in ihr Leben tritt. Dieser gibt sich als ein ehemaliger Patient zu erkennen, doch Cyrille kann sich partout nicht mehr an diesen erinnern. Sie begibt sich auf eine Spurensuche nach der Ursache dieses Vergessens, was sie dabei findet, hätte sie jedoch lieber in den Untiefen des verborgenen Wissens lassen sollen…

Die grundlegende Idee der Geschichte, nämlich die Möglichkeit, ein Gedächtnis zu manipulieren, kommt nicht von ungefähr. Die Autorin Elena Sender ist Wissenschaftsjournalistin mit dem Arbeitsschwerpunkt Emotions- und Gehirnforschung. Das sie auf dem Gebiet nicht ganz unerfahren ist, dürfte auch einer der Gründe dafür sein, dass das Buch sehr authentisch, atmosphärisch dicht und nachvollziehbar ist. Der Leser wird unmittelbar mit den Möglichkeiten von Medizin und Technik konfrontiert, mit dessen potenziellen Vorteilen aber auch den Gefahren des Missbrauchs. Dies ist eine besondere Stärke des Hörbuches: Die Autorin bindet den ethisch-moralischen Konflikt in die Geschichte ein und bringt den Hörer (bzw. Leser) zum Nachdenken. Die Wirkung des Titels geht über den eigentlichen Unterhaltungswert hinaus und wird allein schon deshalb zu einem anspruchsvollen Hörerlebnis.

Grundsätzlich ist die Handlung an sich auch sehr spannend und mitreißend konzipiert. Der Hörer wird von der Story regelrecht gefesselt und in die Lage versetzt, sich in das Geschehen hineinzufühlen. Auch Ulrike Grote (die Leserin) hat einen nicht unbeträchtlichen Anteil an diesem positiven Ergebnis. Ihre Art, die Geschichte zu erzählen, ist eine echte Bereicherung, ihre Leistung besteht vor allem darin, mithilfe ihrer Stimme eine Welt nachzeichnen zu können, in der sich der Leser verfängt und nicht mehr entweichen will bzw. kann.

Fazit: Hinter dem Hörbuchtitel „“ verbirgt sich ein hervorragender französischer Psycho-Medizin-Thriller, der zum Denken anregt und den Hörer regelrecht mitreißt. Wir können diesen Hörgenuss wärmsten empfehlen, vor allem Liebhabern anspruchsvollerer Thriller sei dieses Kleinod ans Herz gelegt.

Das Hörbuch hat eine Spieldauer von 374 Minuten und ist beim Osterwold audio-Verlag erschienen. Es ist seit Mai 2011 für knapp 20€ im Handel erhältlich. Die Story richtet sich an ein vornehmlich erwachsenes Publikum, der Hörgenuss ist ab einem Alter von ca. 16 Jahren zu empfehlen.

Wie bewerten Sie dieses Hörbuch?

GD Star Rating
loading...

Kommentar schreiben