Journey of a Roach

Gibt es in der Schweiz eigentlich Atombunker, in denen optimistisch ramponierte Kakerlaken leben? Lassen wir ein bisschen Zeit, um darüber zu sinnieren, wieso das Review mit solch einer merkwürdigen Frage beginnt. Ein kleiner Tipp: Schuld ist das neuste Game von . Moment, Daedalic?

Haben die nicht gerade erst den dritten Teil ihrer Deponia-Reihe herausgebracht? Haben die eigentlich nichts anderes zu tun?! Ja haben sie. Und deshalb wurde ihr brandneues Spiel auch nicht von ihnen selbst entwickelt, sondern lediglich auf den Markt gebracht.

Verantwortlich für Design und Umsetzung war das junge Schweizer Entwicklerstudio Koboldgames. Mit „“ erschufen sie ein charmantes Point-and-Click Adventure in gewohnt witziger Comicmanier, dessen Interaktionsmethoden über die des simplen Mausklicks hinausgehen. Das Ganze bettet sich in die spannende Geschichte zweier Kakerlaken innerhalb eines postatomaren Weltuntergangssettings.

“ ist für circa 20 € als limitierte Edition mit Soundtrack und Wendeposter im Handel erhältlich. Anders als heutzutage üblich wird auf Onlinezwang verzichtet, der Erwerb über Steam ist jedoch trotzdem möglich.

Story
Jim und Bud sind zwei kleine Kakerlaken, die den Atomkrieg überlebt haben und nun in den tristen Überresten leben. Eines Tages jedoch, als Bud durch den zurückgebliebenen Atommüll wühlt, entdeckt er etwas so Faszinierendes, das seine Augen blitzen lässt. Im Grau der Umwelt hat sich doch tatsächlich eine kleine Blume versteckt. Jim rennt sofort zu seinem Kumpel Bud, um ihm davon zu erzählen. Zusammen begeben sie sich auf die Suche nach der kleinen Blume und erleben viele abwechslungsreiche Abenteuer …zumindest Jim, denn Bud geht erst einmal verloren.
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Abbildung 1: Jim und Bud in heller Begeisterung über den Fund

Interaktion
Was „“ von herkömmlichen Adventure-Games abhebt, ist die Steuerung. Interagiert wird nicht nur mithilfe der Maus, sondern ähnlich Role-Play-Games durch Unterstützung der Tastatur. Die Maussteuerung erlaubt die Interaktion mit Objekten und das Kombinieren von Gegenständen aus dem Inventar mit der Umwelt. Zu diesen Objekten muss man jedoch erst einmal gelangen, doch durch die simple Bewegung im 3D-Raum über die Tasten WSAD ist dies nicht kompliziert.

Als Kakerlake können wir an Wänden herumklettern, wobei sich die Kamera ständig mit dreht. Durch diese erweiterte Steuerungsmodalität eröffnet das Spielkonzept viel mehr Möglichkeiten zum Einbau von Rätseln. Leider verliert man in großen Levels manchmal die Übersicht, beziehungsweise in kleinen verzweigten Gängen die Orientierung.

Neben Tastatur und Maus ist die Steuerung per Gamepad möglich, was mich als Besitzer eines kabellosen Gamepads besonders freute. Die Idee dieser Interaktionsmöglichkeit ist schön, jedoch ist die Umsetzung ein wenig umständlich. Das Kombinieren von Gegenständen dauert beispielsweise erheblich länger, was besonders nervig ist, wenn man nicht weiterkommt und einfach alles mit jedem benutzen will. Auch in Momenten, wo es gilt, auf Zeit zu agieren, bekommt man Probleme.

Schön umgesetzt ist jedoch der nahtlose Übergang vom Spiel ins Menü, denn beim Drücken von ESC wird einfach nur raus gezoomt und die aktuelle Spielszene wird zum Comicausschnitt im Hauptmenü. Weniger gelungen dagegen ist, dass der Hauptbildschirm eine Weile stehen bleibt, wenn man auf „Laden“ oder „Neues Spiel“ klickt, da dies dazu führt, dass man denkt, das Spiel würde nicht reagieren. Vor allem, da der Mauszeiger noch auf Eingaben reagiert, nur die Menüeinträge nicht.

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Abbildung 2: Auch die Erklärung der Interaktionsmethoden bedarf keiner Worte

Rätsel
Die Rätsel in „“ sind witzig, gut durchdacht und vor allem abwechslungsreich. Es gibt keine langweiligen Schalter- oder Schieberätsel. Eine der ersten Aufgaben des Spielers ist es, einer Spinnenmutti ihre durch uns entlaufenen Fliegenbabies zurückzubringen. Sorry, liebe Entwickler, aber Fliegen, die aussehen wie kleine dicke stummelfüßige Elefanten mit Glupschaugen… Das ist extrem süß.

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Abbildung 3: Die kleine Fliege will einfach nicht unter dem Bett hervorkommen

Schleicht man aufmerksam durch die Level, so findet man an einigen Stellen Anlehnungen an bekannte Spiele. Na, wer findet Harvey? Durch die fehlende Sprachausgabe sind die Rätsel aber an vielen Stellen komplizierter, als der Game Designer im Sinn hatte, da man die Hinweisbilder nicht auf Anhieb richtig deuten kann. Hat man einmal eine größere Pause beim Spielen eingelegt und den Faden verloren, so kann man sich alle Zwischensequenzen noch einmal ansehen, die sich über Videosymbole in eine Karte einbetten, die das gesamte Level und unsere aktuelle Position anzeigt.

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Abbildung 4: Auch für das Rätseln gibt es ein kleines Tutorial, das zeigt, dass dies überhaupt nicht kompliziert ist

Grafik
“ wird außerhalb der Spielszenen über kleine 2D-Sequenzen erzählt, in denen sich Standbilder ähnlich einer digitalen Diashow mithilfe kleinerer Animationen aneinanderreihen. Wer Telltale Games‘ „The Walking Dead“ kennt, wird bemerken, dass Koboldgames sich eines ähnlichen Grafikstils bedient. Die Spielwelt ist dreidimensional, doch durch die kontrastreiche, gemalte Texturierung mit starker Betonung der Objektkanten entsteht ein Comicstil, der ein bisschen an Cellshading erinnert.

Weltendetails werden so nicht über hochpolygonale Objekte erzeugt, sondern über die Texturierung vermittelt. Der Grafikstil passt super zum Setting und zeigt, dass 3D-Spiele nicht immer eine möglichst realistische Optik benötigen, um glaubwürdig zu wirken. Weiterhin kann man nur betonen, dass die Level liebevoll gestaltet und sehr detailreich mit Objekten gefüllt. Trifft man auf andere Charaktere, so ist jeder interessant, individuell gestaltet und hat seine Daseinsberechtigung.

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Abbildung 5: Die liebevollen Cutscene-Grafiken verleihen dem Spiel einen ganz eigenen liebevollen Charme

Musik, Sound und Vertonung
Das Spiel besitzt weder Dialoge, noch Synchronisation. Und in Anbetracht der Tatsache, dass man eine kleine Kakerlake ist, macht das auch irgendwie Sinn. Kommunikation wird lediglich über zumeist intuitiv interpretierbare Sprechblasenbilder vermittelt. Parallel gibt es ein unverständliches Hintergrundgeblubber, aber wer kann schon sagen, wie sich Kakerlakensprache anhört?

Man vermisst keine Synchronisation, sondern kann sich auf die wesentlichen Spielinhalte konzentrieren und muss nicht fürchten, die Hälfte der Story zu verpassen, nur weil man sich kurz einen Kaffee holt (Aber Kakerlaken mit Schweizer Akzent fände ich wiederum schon fast kultverdächtig). Weiterhin unterstreicht der Entwickler dadurch die Glaubwürdigkeit des Spiels.

Ein großer Vorteil ergibt sich hier auch auf Entwicklungsebene, denn Synchronisation zieht Lokalisierung (Übersetzung) nach sich und diese zieht einen Großteil der Entwicklungszeit. So aber müssen lediglich Texte lokalisiert werden und das Spiel ist schneller adaptiv für eine multilinguale Zielgruppe. I see what you did here, Koboldgames.

Die Musik ist simpel und passend. Man könnte sagen, dass sie vielleicht etwas zu simpel ist, aber da der Entwicklungsfokus klar auf Leveldesign und Rätseln lag, geht das schon in Ordnung, zumal sie nicht nervt.

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Abbildung 6: Aufträge und Kommunikation werden über witzige Sprechblasenbilder realisiert

Fazit
“ ist ein niedliches Adventure mit deutlichem Rätselfokus, das ohne viele Worte auskommt. Wer ein bisschen Orientierungssinn mitbringt und Lust auf eine charmante, leichte Story hat, sollte hier unbedingt zugreifen, denn dieses Spiel ist auf jeden Fall empfehlenswert.

Leider ist die Spielzeit mit maximal 8 Stunden sehr kurz, sodass ich empfehle, auf Steam-Angebote und Humble-Bundle-Aktionen zu warten.

Weiterführende Links
Entwicklerwebsite: http://www.koboldgames.ch
Publisherwebsite: http://www.daedalic.de/
Spieleseite: http://www.koboldgames.ch/game/journey-of-a-roach/

Getestet und geschrieben von Maria Manneck

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